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Das Gleichgewicht der Kräfte: Am Beispiel der erneuerbaren Energien in Europa

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Vor fünf Jahren, kurz nach dem „Scheitern“ von COP15 in Kopenhagen, nahm OMA an dem Projekt Roadmap 2050 teil. Dessen Plan war es, Europas Energieinfrastruktur massiv zu verändern – weg von fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbaren Energiequellen – und dadurch Europas Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80% zu senken. Die Idee war einfach: Die Integration nationaler Stromnetze in ein europaweites Supernetz würde das Teilen und Austauschen von erneuerbaren Energien zwischen den einzelnen Ländern ermöglichen. In Hinblick auf Europas Energieversorgung wäre das eine Revolution. Anstatt dass jedes Land innerhalb der eigenen Grenzen für einen kompletten Mix an Energiequellen sorgt, könnten sich die europäischen Mitgliedsstaaten stattdessen extrem spezialisieren, wobei sich jedes Land auf eine Form der (erneuerbaren) Energien konzentriert zudem seine Geografie und sein Klima am besten passt.

Roadmap - energy mix

Obwohl es damals nur wenig mehr als eine Randnotiz war, gab es auch noch einen weiteren Aspekt des Projekts, welcher im Hinblick auf das aktuelle politische Klima vielleicht noch wichtiger ist: Europa könnte bei seiner Energieversorgung unabhängig sein. Und damit verbunden wäre ein interessanter politischer Kompromiss: Unabhängigkeit von externen Energieversorgern im Austausch gegen eine steigende gegenseitige Abhängigkeit der europäischen Mitgliedsstaaten. Seltsamerweise würde sich das Nebenprodukt dieser essentiellen technischen Herausforderung als ein überzeugenderes Argument für eine europäische Integration erweisen, als jedes andere politische Argument zuvor. Für eine Weile sah es so aus, als ob die europäische Integration, 60 Jahre nach Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, wieder ein Industrieprojekt werden könnte –  diesmal aber mit dem Fokus auf die Errichtung einer integrierten Energieinfrastruktur: die Transformation der nationalen Energiesektoren in ein einzelnes, integriertes und sich gegenseitig verstärkendes System der Energieversorgung würde Europas Vielfalt zu einem ultimativen strategischen Vorteil machen.

Roadmap - energy mix 2

“Die ukrainischen Rückstände bei der Zahlung des russischen Gases führte zu einer kritischen Situation. Im Falle weiterer Verletzungen der Zahlungsbedingungen ist Gazprom gezwungen die Gaslieferungen teilweise oder ganz einzustellen. Zweifelsohne ist dies eine extreme Maßnahme. Wir sind uns absolut bewusst darüber, dass dies das Risiko erhöht, das Erdgas, welches über ukrainisches Gebiet an die europäischen Verbraucher geht, abgezweigt wird.“ Vladimir Putin in einem Brief an die 18 EU-Länder, 10. April 2014. 

Seit dem ist viel passiert. Es gab eine Atomkatastrophe in Fukushima. Deutschland hat (hauptsächlich als Folge aus dem japanischen Unglück) die „Energiewende“ eingeleitet. Und zeitweise sah es so aus, als wenn der arabische Frühling dafür sorgt, dass Nordafrika das große, demokratische Reservoir werden würde, dass Europa mit politisch korrekter Energie versorgen könnte.  Aber wenn man mal in aller Ruhe eine Bestandsaufnahme der Fortschritte in Europa macht, sowohl beim Anteil der erneuerbaren Energien an Europas Energieversorgung, als auch im Hinblick auf die Formulierung einer wirklich integrierten europäischen Energiepolitik, dann gibt es noch vieles was zu wünschen übrig lässt.

Angesichts der jüngsten Ereignisse in der Ukraine und den offenen Drohungen Russlands, seine Gaslieferungen als Druckmittel gegenüber der Ukraine, aber möglicherweise auch gegenüber Europa (insbesondere Osteuropa) zu nutzen, gewinnt die Aussicht auf ein sich selbstversorgendes, „energieunabhängiges“ Europa einen akuten Reiz. Nicht einmal in den kältesten Tagen des Kalten Krieges nutzte die UDSSR den Hebel seiner Gaslieferungen, um die Oberhand im Kampf um die weltweite Vormachtstellung zu gewinnen. Das ideologische Gleichgeweicht der Macht wurde garantiert durch die zugehörige Balance der militärischen Stärke. Aber in einer Welt der Globalisierung, mit ökonomischen Verstrickungen zwischen andernfalls souveränen Staaten, ist Energie dazu in der Lage, die militärische Macht als wichtigste strategische Waffe zur Ausübung von geopolitischem Einfluss zu ersetzen. Sie gibt ihren Besitzern die „Erstschlag-Möglichkeit“ bei vergleichsweise minimalen Konsequenzen im Gegenzug.

Roadmap - metro

Bei seinem Start 2010 war Roadmap 2050 vorrangig getrieben von technologischen und ökologischen Parametern; heute ist der politische Aspekt am wichtigsten und garantiert dem Projekt neuen Schwung. Roadmap 2050 könnte Europa mit der notwendigen Energiesicherheit versorgen, so dass es weiterhin in der Lage ist zu seinen demokratischen Prinzipien stehen. Energie wird vorrangig zwischen den europäischen Staaten ausgetauscht, die sich zu gleichen Werten verpflichtet haben, und die Abhängigkeit von Außenstehenden wird drastisch reduziert. Das schöne an der Idee ist außerdem, dass bei diesem System kein einzelner Staat jemals das Monopol der Energieversorgung für sich beanspruchen kann. Energie wird gegen Energie getauscht; die heutigen Lieferanten sind die Empfänger von morgen.

Abhängigkeiten verschieben sich einfach auf Basis saisonaler oder meteorologischer Bedingungen. Die Stärke des Projekts liegt darin, dass es letztendlich nicht davon ausgeht, dass Energie jemals unpolitisch sein wird und in dem klaren Wissen, dass ein Europa, welches von der Energie derer abhängig ist, die nicht seine Prinzipien teilen, letztlich zu einem Europa führt, dass selbst nicht mehr in der Lage ist diese Prinzipien zu gewährleisten.

Roadmap - book

Reinier de Graaf is Direktor von AMO, dem Think Tank von OMA.