DeutschEnglish繁體中文EspañolFrançaisItalianoفارسیPortuguês

Die wachsende Mitteklasse der brasilianischen Slums

favela

Dieser Beitrag ist auch vorhanden auf: Englisch, Traditionelles Chinesisch, Französisch, Portugiesisch

Brasiliens wachsende Mittelschicht hat einen wichtigen Platz in den Elendsvierteln des Landes. Diese Erkenntnis ist Teil einer Umfrage des neu geschaffenen Instituto Data Favela. Es hat ermittelt, dass im Jahr 2013 65% der einheimischen Slumbewohner zur Mittelklasse gehörten. Im Jahr 2003 lag der Anteil nur bei 33%.

Celso Athayde, Gründer der Jugendgruppe Central Única de Favelas (CUFA) und des Instituto Data Favela erläutert, dass die Nationale Abteilung für strategische Angelegenheiten Familien dann zur Mittelschicht bzw. zur “Klasse C” zählt, wenn ihr monatliches Einkommen zwischen 346 und 1488 Euro liegt. „Aber wir interessieren uns nicht nur für die Mittelschicht“, sagt er, „sondern wir wollen durch eine nachhaltige und umfassende Entwicklung wirtschaftlicher Möglichkeiten allen Bewohnern Vorteile verschaffen.“

Fast schon zwangsläufig zeigt diese Untersuchung aber auch, dass sich die unteren Klassen in den brasilianischen Slums verkleinert haben. Klasse D (wo das Einkommen zwischen 250 und 346 Euro liegt) und Klasse E (mit einem Einkommen weniger als 250 Euro) reduzierten ihren gemeinsamen Anteil von 65% im Jahr 2003 auf 32% im Jahr 2013. Athayde ist der Meinung, dass dies durch eine Gesamtreduktion der extremen Armut erreicht wurde, die wiederum aus dem landesweiten ökonomischen Wachstum der letzten Jahre resultiert. Dieses hat letztlich  zu einem Anstieg der Beschäftigung und dem Unternehmertum innerhalb der Bevölkerung geführt.

Höhere Kaufkraft

Beatriz Soares (21) wohnt im Complexo da Maré und gehört zu dieser Mittelschicht – obwohl weder Wasser und Abwasser, noch Strom und Gas bei ihr zuhause einwandfrei funktionieren. „Mir fehlte hier zuhause nie etwas“, sagt die Journalismus-Studentin Soares. Ihre Eltern betreiben eine Bäckerei in den Slums und von ihrem monatlichen Einkommen bleiben knapp 650 Euro übrig. Dieses Einkommen ermöglichte es Soares auf eine Privatschule zu gehen und heute Englisch und Theater zu studieren.

Soares steht stellvertretend für den steigenden Konsum unter den Familien in den Slums: sie hat eine Krankenversicherung, ein eigenes Auto, einen Computer und ein Handy. Außerdem gibt sie regelmäßig Geld für Kleidung aus. „Ich liebe es im Einkaufszentrum Kleidung zu kaufen“, sagt sie und ist dabei nicht allein mit diesem Lebensstil. Das Instituto Data Favela fand heraus, dass die meisten Haushalte in den Slums einen Kühlschrank besitzen (99%). Außerdem gibt es Waschmaschinen (69%), Mikrowellen (55%) und zahlreiche Besitzer von Plasma-, LCD, oder LED-Fernsehern (46%) und Tiefkühltruhen (38%). 

Ein Mangel an Basisdienstleistungen und wirtschaftlicher Stabilität

Marildo Menegat, Philosoph und Professor an der Universidade Federal do Rio de Janeiro,  sieht diese Daten weniger optimistisch und ist der Meinung, dass das ökonomische Wachstum des Landes kurz vor seinem Exodus steht. Laut Menegat hat die brasilianische Wirtschaft in den letzten sieben Jahren einen Zyklus des exzessiven Kreditwachstums durchgemacht, was wiederum die Verbraucherschulden erhöht hat. Er sieht dieses Phänomen nur als eine Blase, die kurz vorm Platzen ist. „Die Tendenz geht dahin, genau wie in Europa, dass diejenigen mit den Schulden arbeitslos werden – entweder durch die Reduzierung der Unternehmensausgaben oder durch ein fehlendes festes Einkommen. „Beides führt zu Problem bei den familiären und finanziellen Verpflichtungen“, sagt Menegat mit Blick auf die Fragilität dieser aktuell wahrgenommenen Stärkung der landesweiten Slums.

Celso Athayde fand außerdem heraus, dass sich viele Slumbewohner, obwohl ihr Einkommen sie theoretisch in die Klasse C einordnet, selbst nicht zur Mittelschicht zählen. Laut ihm ist der Grund dafür die chronische Infrastruktur-Unterversorgung seiner Gegend. Im Gegensatz zur Einwohnerzahl ist diese weder gewachsen, noch hat sie sich weiterentwickelt.  „Alltägliche Dinge wie der Verkehr, die Gesundheit, die Hygiene oder die Bildung sind immer noch sehr ineffizient und untergraben die gesamte Infrastruktur der Regionen“, sagt Athayde.

Von Thathiana Gurgel. Im Original auf Viva Favela (portugiesisch) erschienen.