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Radwege als Hindernis: Russisch Roulette in Köln

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Langsam werden die Tage wieder kürzer und das Wetter schlechter. Dennoch gibt es für einen Schönwetter-Radfahrer wie mich immer noch genug Sonne, um  öfter mal das Auto stehenzulassen und stattdessen das Fahrrad zu nutzen. Wenn ich dann aber auf dem Rad sitze, in die Pedale trete und den ersten Kölner Radweg erreiche, nimmt das Unglück meistens seinen Lauf…

Dieser Artikel soll aber nicht zum x-ten Mal den Konflikt zwischen einzelnen Verkehrsteilnehmern – insbesondere Autofahrern und Radfahrern – thematisieren. Denn zum einen können andere das deutlich besser und zum anderen habe ich als Nutzer beider Verkehrsmittel gewissermaßen Verständnis für beide Seiten. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie eine optimale und gleichberechtigte Teilnahme am Straßenverkehr aussehen kann? Wie groß ist und sollte die Rücksichtnahme aufeinander sein? Und können Radwege das Konfliktpotenzial zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern minimieren? Oder sind sie vielmehr Hindernis in einer Stadt, die durch ihre große Vielfalt an Verkehrsmitteln geprägt ist?

1920 war das Ziel in Deutschland klar. Die Arbeiterklasse nutzte zunehmend Fahrräder und störte so den bisher angeblich reibungslosen Autoverkehr. Die Einführung der Fahrradwege wurde beschlossen – zum Schutz der Autofahrer und um ihre Fahrbahn „hindernisfrei“ zu halten. Ihre Nutzung war gesetzlich verpflichtend und erst Mitte der 1980er änderte sich das Verständnis fürs Radfahren. 1989 wurde die StVO dann überarbeitet und die allgemeine Radwegebenutzungspflicht aufgehoben. Heute hat der Bürger die Wahl zwischen der Nutzung des Radwegs und der Straße. Ausgenommen sind jedoch die benutzungspflichtigen Radwege, deren Nutzung gesetzlich vorgeschrieben ist – solange sie denn nutzbar sind (z.B. nicht bei Glätte durch Laub oder Schnee/Eis bei geräumter Fahrbahn, Hindernissen auf dem Radweg wie geparkte Autos, Mülltonnen oder zu geringer Breite für Dreirad und Anhänger, …).

Das Problem

Problematisch ist jedoch, dass kaum ein Otto-Normal-Radfahrer (und erst recht kein Autofahrer) weiß, dass Radwege nur genutzt werden müssen, wenn sie gesondert gekennzeichnet sind und das auch nur, wenn sie nicht durch Hindernisse versperrt oder gänzlich unpassierbar sind. Somit fährt die Mehrheit weiterhin im guten Glauben auf dem Radweg und begibt sich dadurch vor allem in Köln teilweise erst recht in Gefahr.

Da sind auf der einen Seite die einzelnen Verkehrsteilnehmer:

Der Parker*

Er versteht den Fahrradweg als freundliches Parkplatzangebot der Stadt. Er muss ja nur kurz etwas erledigen und so viele Radfahrer werden diesen Weg schon nicht nutzen. Mit Nichten ist hier bloß die Rede von Autofahrer. Neben Baustellenfahrzeugen und Einkaufswägen finden sich dort auch mal Mülltonnen, Roller und selbst Fahrräder. Die eingezeichnete Randmarkierung verleitete den gemeinen Kölner scheinbar intuitiv dazu, von einem Parkplatz auszugehen. Der Blog „thingsonbikelanes“ treibt diese Erkenntnis dabei auf die Spitze und dokumentiert zum Beispiel jede alternative Nutzung der Fahrradwege in Hamburg.

Der König des Radwegs*

Diese Spezies findet sich häufig – aber nicht ausschließlich – rund um die Kölner Uni. Entweder als leicht verträumte Variante, die glaubt einziger Nutzer dieses Radwegs zu sein. Oder aber als etwas rebellisches Pendant, das sich regelrecht zur Erziehung anderer Verkehrsteilnehmer genötigt sieht und dabei notfalls auch eine Konfrontation mit „stärkeren“ Verkehrsteilnehmern in Kauf nimmt. Dass durch solch ein Verhalten aber häufig auch andere Radfahrer in Gefahr gebracht werden, merkt er kaum.

Der Ignorant*

Unter dieser Spezies lässt sich alles zusammenfassen, das den Radweg schlicht und einfach übersieht. Sei es das Herrchen beim Gassi gehen mit seinem Hund. Der aufgebrachte Liebhaber, der lautstark mit seiner Freundin am Telefon diskutiert und dabei wild auf dem Fahrradweg umhertänzelt. Oder das ältere Ehepaar, das die Markierung nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will, weil es unbedingt nebeneinander spazieren möchte.

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Natürlich handelt es sich bei den oben skizzierten Gruppen um überspritze Stereotypen. Aber sie zeigen ganz gut, welcher Wert dem Fahrradweg aktuell durch die einzelnen Verkehrsteilnehmern zugesprochen wird. Über diese temporären Hindernisse hinaus gibt es aber auch permanente Probleme, die eher von struktureller Natur sind und von Politik und Behörden zu verantworten sind:

Radweg ins Nirgendwo   

Es gibt Radwege, die enden einfach urplötzlich – ohne Umleitung auf die Straße – vor einer Mauer. Und zwar keiner vorrübergehenden Baustellenabsperrung, sondern einer Gebäudewand. Andere Radwege münden kurz vor einem Kreisverkehr in die Straße, nur um kurz danach wieder die Straße zu verlassen. Und wieder andere Radwege verschwinden einfach: aus einer durchgehend roten Markierung werden vereinzelte rote Pflastersteine, bis sie auf einmal ganz verschwunden sind. Zählt das nun noch als Radweg? Oder hätte man schon hundert Meter vorher auf die Straße wechseln müssen, um nicht illegal auf dem Gehweg zu fahren?

Der Drahtseilakt

Dieser scheint ein ganz besonderes Kunststück in der Kölner Verkehrspolitik zu sein. Hier sind Radwege teilweise so schmal, dass man fast schon balancieren muss, um diese nicht ausversehend zu verlassen. Ganz davon abgesehen, dass es auf diesen kaum eine Möglichkeit gibt auszuweichen, wenn sich Türen plötzlich öffnen oder Fußgänger queren. Highlight dieser Variante sind aber Fahrradwege, die links von Parkplätzen gesäumt und rechts durch hohe Kanten zum Bürgersteig begrenzt werden. Ein Ausweichen – egal warum und egal auf welche Seite – ist hier absolut unmöglich.

Der Irrelevante

Es gibt Straßen, es gibt Fußwege, es gibt Fußwege auf denen Fahrradfahrer erlaubt sind und es gibt ausgewiesene Radwege. Letztere sind scheinbar für Politik und Behörden in Köln gleichermaßen die am irrelevantesten Verkehrswege. Neben den bereits oben aufgezeigten Problemen liegt die Priorität für deren Pflege und Instandhaltung offensichtlich nahe bei null: Da gibt es aufgerissene Fahrradwege ohne Baustellenkennzeichnung. Da sind Schlaglöcher so tief, dass vermutlich selbst Autos einen Achsbruch erleiden würden.  Und da nimmt die Streckenführung Formen an, bei denen Fußgänger regelrecht gezwungen werden über den Radweg zu stolpern, um den für sie notwendigen Knopf der Ampel zu erreichen. Crashs sind hier regelrecht vorprogrammiert.

Die Grundsatzfrage

Die genannten Beispiele zeigen, dass aktuell die Nutzung von Radwegen in Köln mit einigen Risiken verbunden ist. Die eigentliche Grundsatzfrage aber, die sich daraus ableitet ist vielmehr: Wo gehören Radfahrer überhaupt hin? Gehören sie auf die Straße gemeinsam mit den motorisierten Fahrzeugen? Oder sind eigenständige Radwege die Lösung? Das Konzept der Critical Mass ist ganz klar von ersterem überzeugt und die Teilnehmer machen einmal im Monat weltweit darauf aufmerksam, dass auch sie Teil des Straßenverkehrs sind (Critical Mass Cologne, Critcal Mass London). Möglicherweise ist aber die Idee von 1920 im Grunde gar keine schlechte. Natürlich nicht um „Autofahrer vor Fahrradfahren zu schützen“, sondern vielmehr mit dem Ziel einer gleichberechtigten Behandlung aller Verkehrsteilnehmer unter Wahrung ihrer individuellen Charakteristiken. Schließlich sind Fahrräder schneller als Fußgänger und Autos wiederum schneller als Fahrradfahrer. Zudem unterscheidet sich ihr jeweiliger Schutz vor Unfällen enorm.

Es ist an der Politik sich für ein Konzept zu entscheiden und dieses auch konsequent umzusetzen. Ein halbherziges Flickwerk bringt niemandem etwas, sorgt nur für Verwirrung bei allen Verkehrsteilnehmern und verursacht vermeidbare Konflikte.

Fazit

Solange die Zustände der Radwege jedoch weiterhin so miserable sind, werde ich diese weitestgehend meiden. Man muss die meisten Radwege nicht nutzen und wenn doch mal ein Radweg benutzungspflichtig ist, schaue ich lieber zweimal hin, ob dieser wirklich gefahrlos befahren werden kann. Notfalls lieber runter auf die Straße – alles andere ist russisches Roulette.

Und für alle, die sich ob ihrer Rechte und Pflichten als Radfahrer nicht ganz sicher sind, hier nochmal eine kurze Zusammenfassung des ADFC.

 

Der Autor ist Redakteur von This Big City auf Deutsch

Bilder von Thomas Schlosser und Things On Bike Lanes

* Dem Textfluss zuliebe wurde auf die weibliche Bezeichnung verzichtet, was nicht bedeutet, dass diese Stereotypen nicht auch auf das weibliche Geschlecht zutreffen.