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Urban Word Wars und „Eco-City“ als neue Marke

arcosanti

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Innerhalb des letzten Jahres oder so schien es, als ob in jeder Ecke des Internets plötzlich Artikel auftauchen, die sich mit den Auswirkungen der globalen Veränderung von einer mehrheitlich ländlichen zu einer mehrheitlich städtischen Bevölkerung beschäftigen. 54% von uns –  und diese Zahl steigt stetig – sind heute in Städten zuhause, während es im Jahre 1960 nur 34% waren. Wie wollen wir diese Bevölkerungswellen aufnehmen?

Da gibt es diejenigen unter uns, die die Verstädterung unter sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten betrachten, die zu einer rapide verstädternden Gesellschaft beitragen dürften: fehlender Zugang zur Schwangerschaftsaufklärung oder zum Beispiel das Harris-Todaro-Model der erwarteten ökonomischen Anreize für eine urbane Zuwanderung. Während wir noch über die Effekte von erwarteten gegenüber realen Löhnen in städtischen Zentren und den daraus folgenden Anstieg der Slum-Bevölkerung diskutieren, ist im Stillen bereits ein neuer städtischer Prototyp aufgestiegen. Und dieser verdient an dem weitverbreiteten Drang nach nachhaltiger Stadtentwicklung: neue, privat finanzierte und geplante Städte, die auf ihren strahlenden Webseiten mit scheinbaren und wirklichen städtischen Buzzwords wie „Eco-City“ und „Nachhaltigkeit“ werben. Aber sind diese städtischen Prototypen wirklich umweltfreundlich? Sind sie wirklich nachhaltig? Und wie können wir das wissen, bevor sie bewohnt werden?

Während es einprägsam und bestimmt spannend ist sich diese hochtechnologischen, übergrünen, eigenständigen neuen Städte als reale Lösung für die Probleme einer schnellen Urbanisierung auszumalen, ist es zwingend notwendig, die althergebrachten philosophischen Wurzeln dieser von den Marketingteams definierten und verkauften Worte zu verstehen. Als neue Städte müssen sie letztendlich neue Investoren und haufenweise Bewohner anziehen, um erfolgreich zu sein.

Die Werbekampagnen neu geplanter Städte wie Konza Technology City in Kenya und Masdar City in Abu Dhabi nutzen beispielsweise das aus den 1970ern bekannte Vokabular umwelt-städtischer Bewegungen – zum Beispiel „eco“ und „smart“. Wenn wir die Wurzeln der Sprache zurückverfolgen, dann beginnen wir jedoch die Inkonsistenz in der heute so liberalen Anwendung dieser nuancierten – und klassischen – Terminologie zu erkennen.

In den späten 1960ern und frühen 1970ern begannen eigenwillige städtische Begriffe, wie beispielsweise Soleris „Arcology“ und Richard Registers „Ecocity“, die Architektur- und Designlexika zu infiltrieren. 1969 veröffentliche der italienische Architekt Paolo Soleri mit „Arology – City in the Image of Man“ ein Architektur- und Stadtdesignband, welches traditionelle Stadtkonzepte in Frage stellte und eine neue urbane Form, einzigartig in seiner symbiotischen Integration in das lokale Ökosystem, propagierte.

Soleri entwickelte daher die Idee einer hyper-dichten und selbstständigen Stadt, die ökologisch nachhaltige Ideen, wie zum Beispiel die Abfallreduktion und Wasserreinhaltung durch in sich geschlossene Konsum- und Produktionskreisläufe, priorisiert. Sein dazugehöriges Stadtprojekt Arcosanti liegt im Wüstenklima von Zentral-Arizona.

Getrieben von einer ähnlichen Vision ist Richard Registers städtisches „Ecocity“-Ideal aus den 1970ern: effizient, ökologisch sensibel und begründet auf Prinzipien wie Community-Entwicklung und effektivem Abfall- und Ressourcenmanagement. Als Teil einer größeren „städtischen Ökologie“-Bewegung, ist die Ökostadt komplett autark und wird komplett von der Community betrieben. Sie sollte außerdem als eine stärkende ökologische Kraft wirken: durch sensible Stadtdesignprinzipien, die die Ökostadt dazu ermutigen sollten, sich sanft mit seiner natürlichen Umgebung zu vermischen, anstatt durch die Landschaft zu brechen, wie ein versmoggter außer Kontrolle geratener Zug. „Arcology“ und „Eco-City“ sind nur zwei Beispiele urbaner Formen, die einen ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz betonen, der nicht nicht nur auf grüner Technologie und Investment basiert, sondern auch auf kollaborativem Design, das dazu geeignet ist sich nahtlos in die Umgebung einzufügen.

masdar construction

Vorgespult ins Jahr 2014: Masdar City, eine privat geführte und geplante Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, deren Bau erst im Jahr 2008 begann. Sie will heute die weltweit erste CO²-neutrale Stadt sein und bezeichnet sich selbst als „Greenprint“ für eine schnelle und verträgliche Urbanisierung. Masdar sieht in der Tat aus wie eine faszinierende Landschaft für Businessleute, die sich gerne an einem IKT-Zentrum beteiligen, das sich sauberen Technologien verschrieben hat und mit illustren Partnern wie dem MIT und Siemens zusammenarbeitet. Aber trotzdem, ist es wirklich eine Öko-Stadt nach dem Ideal von Richard Registers „Eco-City“?

Auch wenn die Homepage von Masdar sie gerne als „die weltweit nachhaltigste Ökostadt“ bezeichnet, ist es schwierig Anzeichen für Gemeinschafts-Kollaboration, soziale Entwicklungen oder irgendwas aus Registers Originalkonzept einer Ökostadt zu finden, das Masdar „analog zu lebenden Organismen“ macht. Stattdessen ist Masdar ein glänzendes und unerschrockenes Investorenparadies im Dunst einer Region, die am meisten für ihren Ölreichtum und demonstrativen Konsum bekannt ist – wie zum Beweis liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der noch jungen Stadt die schrille Ferrari World Abu Dhabi.

In einer Zeit, in der die städtische Entwicklung plötzlich zum Trendthema wird, ist es einfach zu verstehen, warum eine neue Generation privat finanzierter Städte mit verführerischen Werbekampagnen und gespickt mit bekannten Begriffen wie „Eco-City“ auf einmal auftauchen.

Es ist unsere Verantwortung, sowohl als Mitglieder dieser großartigen globalen städtischen Gesellschaft, aber auch als Konsumenten von Raum und urbanem Design, kritisch über die gegenwärtige Anwendung differenzierter Wörter wie „nachhaltig“, „öko“ und „smart“ nachzudenken. Insbesondere wenn wir sehen, dass sie großzügig zu Werbezwecken für investorenorientierte Städte genutzt werden, in denen bisher noch nicht wirklich jemand lebt.

Sophie Silkes lebt in Montreal und schreibt über nachhaltige Stadtentwicklung, neue Städte und urbane Inklusivität.

Bilder von Cody und Jan Seifert