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Urbane Katastrophe: Spanische Städte vor und nach dem Immobilienboom

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Nación Rotonda ist ein interaktiver Onlinekatalog, der die urbanen Katastrophen der letzten Jahrzehnte in Spanien visuell dokumentiert. Jede Karte des Projektes vergleicht zwei Luftbildaufnahmen einer Stadt, die jeweils vor und nach dem Immobilienboom entstanden sind.

Fotoüberflüge finden in Spanien seit 1957 statt, aber nicht alle entstandenen Fotografien und Informationen stehen frei zur Verfügung.  Nationale und lokale Programme verfügen über ihre eigenen Luftbildaufnahmen, die unterschiedliche Orte zu unterschiedlichen Zeiten abdecken und in unterschiedlichen Formaten veröffentlicht werden (oder eben nicht). Das Ergebnis ist eine bunte Mischung aus unvollständigen Datenbanken, die zusammen weder das gesamte Gebiet noch jedes einzelne Jahr abdecken. Die Suche nach Fotos für unser Projekt ist mehr als einmal in einer Sackgasse stecken geblieben, meist verursacht durch behördliche Funkstille.

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Die Größe unseres Projektes war ebenfalls eine Herausforderung. Spanien besteht aus einer Fläche von mehr als 500.000 km² und obwohl es ‘nur’ 8.000 Stadtbezirke gibt, enthalten viele von ihnen Weiler, Dörfer und andere Nachbarschaften, was letztendlich  bedeutet, dass es in Wirklichkeit 152.207 Bevölkerungseinheiten im gesamten Land gibt (INE 2012). Wir haben Gegenden wie die Küste und die größten Städte systematisch durchkämmt, aber um das Projekt abzuschließen mussten wir auf bestehende Quellen in unserem Netzwerk zurückgreifen, wie zum Beispiel das Kollektiv 6000km.org oder die Vorschläge, die unsere Leser uns über die Webseite, Facebook oder Twitter zugeschickt haben.

Die Frage, die wir uns zu Beginn des Projektes selbst gestellt haben, war: Was macht eine ‘urbane Katastrophe’ aus? Massive Verstädterung ohne den Bau eines einzigen Hauses sieht nach keinem Vorteil für niemanden aus – außer wenn das Land verkauft wird. Eine Autobahn die ins Nirgendwo führt ist ebenfalls ein klares Versagen. Andere Beispiele sind weniger Schwarz und Weiß. Aber spielt dass eine Rolle? Dokumentieren wir Katastrophen, oder ist das ein Wettbewerb? Das ist eine Diskussion, die wir immer wieder haben.

Während wir das Projekt dokumentierten, haben wir 50 Beispiele spanischer Provinzen gefunden, die zeigen, dass keine Gegend vor der Immobilienblase sicher war. Wie wir vermutet haben, waren die Auswirkungen aber nicht überall gleich.

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Die Schriftgröße gibt die Anzahl der Einträge pro Provinz an

Das Wachstum der spanischen Regionen in den letzten Jahrzehnten wurde durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst: Die Größe der Bevölkerung vor dem Boom, die Lage von Produktionsstätten, ihre Eignung als Touristenziel, Zweitwohnsitzentwicklungen und die regionale Gesetzgebung, die im Wesentlichen diesen Prozess gefördert hat. Diese Faktoren zusammen führten zu einem Wachstum, das vorrangig an der Mittelmeerküste und in Madrid, sowie seinen angrenzenden Provinzen stattfand.

Also, welche Art von Trends sehen wir in Spaniens urbaner Katastrophe?

In Stadt- und Regionalplanung sollten generische Lösungen vermieden werden. Jedoch zeigen die von uns dokumentierten geografischen Muster, dass allgemein bekannte Trends unabhängig von Planung, Klima, Topographie, Sozialgefüge oder vorher existierenden städtischen Strukturen angewandt wurden.

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Cullera, Valencia

Der erste vorherrschende Planungstyp ist es Straßen mit mehreren Fahrspuren in jede Richtung und Kreisverkehren zu bauen, was zu einer Ausbreitung der Stadt führt und die Autonutzung gegenüber den öffentlichen Verkehrsmitteln begünstigt.

Eine zweites Beispiel die Errichtung von Einfamilienhäusern, die typischerweise dazu neigen geschlossene Wohnanlagen zu bilden.

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Xaló, Alicante

Für die Entwicklung von geschlossenen Wohnanlagen ist es durchaus üblich, diese um einen Golfplatz herum anzusiedeln. Obwohl es Beispiele für diese ‘Vor-Blase’ gibt, ist das ein relativ neuer Trend. Tatsächlich hat sich die Anzahl der Golfplätze in Spanien in den letzten zehn Jahren verdoppelt und  konzentriert sich auf die Regionen mit viel Sonnenschein im Jahr, aber fragwürdiger Wasserversorgung.

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El Caracolero, Murcia

Jenseits der Anwendung von typischen Planungsmodellen haben wir auch gemeinsame Merkmale in der Entwicklung gefunden, bei denen wir denken, dass es sich um Kunstfehler handelt. Die vor kurzem verstädterten Gegenden in vielen spanischen Regionen grenzen oft an bestehende Farmen. Allerdings ist der Ansatz zur Planung der Gegend so unterschiedlich, dass es dort einen erheblichen Bruch zwischen den neuen Entwicklungen und der existierenden Stadt gibt. Das Resultat ist eine fehlende Verbindung zwischen alt und neu.

In dem nicht entsprechend der bestehenden städtischen Modellen geplant wird, entsteht ein Mangel an Ausgewogenheit  in vielen spanischen Gegenden. Zumindest teilweise kann dies einer falschen Wachstumsprognose zugeschrieben werden. Die Herausforderung für die Städte in Spanien ist die Frage, wie sie aus dieser urbanen Katastrophe wieder herauskommen.

Miguel Alvarez und Esteban Garcia sind Partner bei nacionrotonda.com und Bauingenieure mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalplanung.

Bilder von NacionRotonda.