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Urbane Resilienz: Der Big Brother von Rio de Janeiro

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Es scheint fast, als sei mitten im Durcheinander der brasilianischen Metropole ein Spaceshuttle der NASA gelandet. In einem kleinen, verspiegelten Blockgebäude im hektischen Herzen Rios befindet sich das Operationszentrum (Centro de Operações/ COR). Schon wenige Meter hinter dem Eingangsbereich betritt man den so genannten Kontrollraum. 50 Personen in weißen Overalls sitzen vor einem 80 Quadratmeter großen Monitor. Ab und zu blicken die Männer und Frauen in Austronautenoutfits von ihren eigenen Bildschirmen hoch, telefonieren oder tippen auf ihrer Tastatur. Es herrscht konzentrierte Stille, nur hier und da tauschen sich einzelne Mitarbeiter im Plauderton aus. Bis zu 80 verschiedene Einstellungen flimmern gleichzeitig über die Leinwand. Stau am Botanischen Garten, fliessender Verkehr auf der Schnellstraße Linha Vermelha, Angestellte der Stadtverwaltung bei der Räumung einer Straße, alles lässt sich hier live beobachten,  aufzeichnen und koordinieren.

In mehreren Schichten überwachen insgesamt 400 Angestellte die Stadt. “24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche”,  wird mehrfach mit merklichem Stolz betont. Das Operationszentrum von Rio de Janeiro hat Zugriff auf über Tausend Kameras, die über die ganze Stadt verteilt sind. 30 Organe der Stadtverwaltung wie die Verkehrsagentur CET, der Gas- oder Wasseranbieter der Stadt sind hier vertreten. Die Mitarbeiter sammeln nicht nur Informationen für Staumeldungen und Ähnliches, sondern können auch in das Stadtgeschehen eingreifen. Die Guarda Municipal beispielsweise, eine Art Ordnungseinheit ähnlich der Polizei, kann über Funk an Brennpunkte verschoben werden. Auch die gesamte Flotte der Abfallgesellschaft wird live überwacht und auf einer Karte abgezeichnet, die an Google Maps erinnert. Straßen können bei Unfällen gesperrt und Umleitungen über Leuchtpanels direkt auf den Straßen an die Autofahrer empfohlen werden.

Gerade auch zu Zeiten von Großveranstaltungen wie der Fußballweltmeisterschaft laufen sämtliche Fäden der Steuerung der Stadt im COR zusammen. Die Entwicklung der Verkehrslage wird beobachtet, um Routen für die Busse der Nationalmannschaften oder Konvois von Staatsoberhäuptern zu planen, und möglichst zügig und ohne größere Risiken durch die Straßen Rios zu schleusen. Auch Proteste oder Ausschreitungen können die Mitarbeiter erkennen und Maßnahmen zwischen den verschiedenen Organen koordinieren.

Viel Verantwortung lastet daher bei den Megaevents in der Stadt auf dem erst 29-jährigen Pedro Junqueira, dem Leiter des Zentrums. In Jeans und Hemd gekleidet erklärt er voller Elan, dass das Zentrum neben der zeitnahen Koordination von Einsätzen inzwischen auch verstärkt daran arbeitet, Krisen vorwegzunehmen. Vor allem in Zusammenarbeit mit dem Zivilschutz Rios besteht seit einiger Zeit ein Evakuierungssystem im Fall starken Regens. Todesfälle durch Erdrutsche wie im Jahr 2010 waren einer der Beweggründe für den Bau des Zentrums, das wenige Monate nach der Katastrophe eingeweiht worden war. Sirenen, die vom COR aus aktiviert werden, sollen Bewohner in Risikogebieten vor der Gefahr von Erdrutschen warnen. Zahlreiche Sammelpunkte wurden unterhalb der Gebiete eingerichtet, in denen sich die Bewohner nun vorübergehend in Sicherheit bringen können. Einzelne Ansprechpartner des COR aus den Wohngebieten oder Favelas wurden besonders geschult, und erhalten per SMS Benachrichtigungen über Personen, die, etwa aufgrund einer Behinderung,  nicht allein zum Verlassen der Hügel in der Lage sind.

Während in früheren Jahren Krisen in improvisierten Räumen anderer Einrichtungen koordiniert werden mussten, stehen nun sowohl ein Anlaufpunkt, als auch Daten zur Analyse und koordinierten Reaktion bereit. Innerhalb eines Lernprozesses arbeitet das Zentrum momentan an der Ausarbeitung formalisierter Handlungsabläufe im Fall von Krisen. Routinierte Abläufe, die Zuständigkeiten der verschiedenen Organe festlegen, sollen zukünftig Reaktionszeiten verkürzen.

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Ein eigener Raum für den Bürgermeister mit Sicht auf den Kontrollraum und Ausstattung zur Übernachtung ermöglicht dessen Anwesenheit über längere Krisen hinweg. Zudem ist die Residenz des Stadtoberhaupts direkt mit dem zweitwichtigsten Raum des Zentrums, dem Krisenraum, über einen Bildschirm verbunden. Ein ovaler Tisch zwischen mehreren Monitoren, dient dem Führungspersonal und Abgesandten des jeweiligen Problembereichs als Sitzungsraum. Auch falls der Bürgermeister aufgrund starker Regenfälle selbst nicht bis zum Zentrum kommen kann, oder sich außerhalb der Stadt befindet, kann er über Bildschirm am Kopfende des Tisches direkt an den Sitzungen teilnehmen.

Die Presse hat einen eigenen Bereich im COR. Vertreter der wichtigsten Zeitungen und Radiosender berichten 24 Stunden am Tag vom Balkon über dem Kontrollraum. “Und die Presse sieht genau das, was ich auch sehe”, sagt Pedro Junqueira, der damit die Transparenz der Arbeitsabläufe im COR fördern will. Als eine Art Big Brother bietet das Zentrum Einblick in einen großen Teil der öffentlichen Bereiche der Stadt. Kontrolle darüber, was mit dieser Ansicht passiert, gibt es bisher nicht. Auffällig ist jedoch, dass Datenschutz in Brasilien allgemein, und noch weniger in Bezug auf das Zentrum, überhaupt diskutiert wird. Der Bau von derartigen Koordinierungszentren in anderen Städten der Welt scheitert jedoch häufig an diesem Vorbehalt.

Auch wenn das Operationszentrum sicher nicht in der Lage ist, die eminenten Probleme wie Wohnsiedlungen in Risikogebieten an den steilen Hängen der Stadt zu lösen, so ist es doch ein Zwischenweg, der Menschenleben retten kann. Mit dem COR hat Rio de Janeiro eines der hochentwickeltsten Koordinationszentren des urbanen Managements. Pedro Junqueira wurde inzwischen zudem zum Leiter des Bereiches “Resilienz” der Stadt ernannt und arbeitet mit Unterstützung der Rockefeller Foundation an der Erstellung eines Einsatzplanes, der sowohl die  Datenlage, die Gouvernancestrukturen, als auch die Koordinierung von Einsätzen verbessern soll.

Kathrin Zeller koordiniert in Brasilien Projekte der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema Wirtschaftspolitik und Nachhaltigkeit. Zudem studiert sie Sustainability Management an der Leuphana Universität in Lüneburg.

Bilder vom Centro de Operações