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Wie Social Media der informellen Stadt eine Stimme gibt

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Nach Aussage des brasilianischen Instituts für öffentliche Meinung und Statistik (IBOPE) nutzen 76% der brasilianischen Internetnutzer soziale Netzwerke. Das bedeutete, dass aktuell fast 78 Millionen Brasilianer dieses Kommunikationsmedium nutzen und es in den landesweiten Slums nicht anders aussieht.

Entsprechend einer im ersten Quartal dieses Jahres vom IBOPE durchgeführten Studie, hatten 56% der brasilianischen Bevölkerung Zugang zum Internet. Das heißt es waren  102,3 Millionen Nutzer online – ein Anstieg von 12,9% im Vergleich zum ersten Quartal 2012. Das nationale Breitbandprogramm (PNBL), welches im Mai 2010 von der Regierung gestartet wurde und zum Ziel hat den Zugang zu Breitband durch Kosten, Abdeckung und Qualität zu verbessern,  beschleunigt diesen Prozess noch einmal.

Als Teil von PNBL hat die Regierung von Rio de Janeiro das Rio Digital-Programm geschaffen, welches die digitale Integration und Bürgerschaft, durch das zur Verfügung stellen von kostenlosem Internet im gesamten Bundesland Rio, ermöglichen soll. Breitbandabdeckung ist tendenziell dazu geeignet, den Zugang zu Informationstechnologien und damit zu Kommunikation und Information an sich zu demokratisieren. Mit dem Ziel, insbesondere den sozial am meisten ausgegrenzten Bürgern Rios gerecht zu werden, gibt es nun in manchen der dichtbesiedelten Slums der Stadt kostenloses WIFI.

Diese Maßnahmen zeigen, dass die Regierung versteht, dass Zugang zum Internet eine wirklich politische Angelegenheit geworden ist – die Onlinewelt wird nun also als die Erweiterung der Offline-Welt gesehen. Ein Beweis dafür ist der Fall von Thiago Firmino, ein Gemeindevorsteher aus Santa Marta. Im November letzten Jahres hat Firmino auf Twitter einen Beitrag über die unzuverlässige Stromversorgung seiner Straße geteilt. Das Bild, welches den Beitrag untermalte (siehe unten), zeigte seine Rechnung im Kerzenschein und landete am Ende in der lokalen Zeitung. Firmino begann 2007 soziale Netzwerke zu nutzen, als er seinen eigenen Blog startete. Heute hat er über 3500 Follower auf Facebook.

Thiago Firmino machte ein Foto und teilte es auf Twitter, um die hohen Kosten seiner Stromrechnung und gleichzeitig die regelmäßigen Stromausfälle zu dokumentieren

“Die Weiterentwicklung der Technologien in Smartphones hat es mir ermöglicht mehr von meinem Slum mit Touristen und Besuchern zu teilen, ” sagt Firmino, der heute als Reiseführer in seiner Gemeinde arbeitet und währenddessen lokale Probleme aufnimmt. Aktuell teilt Firmino die Ungerechtigkeiten, die er in den lokalen Slums sieht, auf Online-Netzwerken. “Manche Dienstleister antworten schnell online, auch wenn das Problem nicht immer schnell gelöst wird. Anderen Organisationen ist es egal welche Vorwürfe online erhoben werden, ” klagt er.

Auf von Viviane Ribeiro, Leiterin der Kommunikation bei einer lokalen Community-Gruppe, via Social Media gemachten Beschwerden gibt es immer eine Reaktion. “Diese Updates sind sichtbare Ärgernisse für Unternehmen, daher versuchen sie oft die Probleme schnell zu lösen, ” sagt sie. Ribeiro betont, dass sie immer versucht ein Dankeschön zu hinterlassen, wenn in Slums Leistungen erbracht und Dinge in Stand gehalten werden.

Nathalia Menezes ist Kulturproduzentin und Bewohnerin des Grota Slums. Sie erklärt, dass sie Social Media aktuell lieber dazu nutzt, um positive Dinge aus ihrer Gemeinde zu teilen. „Slums sind ein Ort mit viel Kultur. Obwohl es Herausforderungen gibt die gemeistert werden müssen, sollten Slums nicht länger als gänzlich negative Orte gesehen werden und stattdessen als Orte, die neue Talente und positive Veränderungen hervorbringen, ” sagt Menezes. Sie zitiert eine ihrer Lieblingsredewendungen, um die Art, wie sie die sozialen Medien nutzt, zu beschreiben: Fördere was dich verzaubert, anstatt das anzugreifen, was du nicht magst. ”

William de Oliveira, Leiter der Gemeinschaft von Rocinha, stellt fest, dass “viele Menschen Social Media zum Spaß und zum Quatschen nutzen.” Er nutz soziale Netzwerke seit zehn Jahren und das schafft Räume für den Dialog zwischen ihm, der Regierung und der lokalen Gemeinschaft. Firmino und de Oliveira stimmen darüber ein, dass Polizeigewalt, Machtmissbrauch und Wasserprobleme online zu den am häufigsten erhaltenen Beschwerden zählen.

Das Internet hat den Favelas eine größere Stimme und Sichtbarkeit gegeben. Für Ribeiro versetzt dieses Werkzeug Bewohner der Communities in die Lage, die Wahrheit über ihre Realität zu zeigen, ohne die Manipulation der traditionellen Medien. “Das Internet ist für viele Menschen eine Lösung, denn es gibt ihnen eine Stimme, wo sie vorher nicht gehört wurden. Natürlich ist das eine Qual für andere. Die Slums haben eine großartige Waffe zur Hand. Sie müssen nur lernen, wie man sie einsetzt.”

Dieser Artikel ist von Thathiana Gurgel und wurde ursprünglich in Portugiesisch auf Viva Favela veröffentlicht.